Unsere Lehrerinterviews

Heute: Sebastian Hahn

Luca & Nele Bartholomae, Sophia Krächter ~ 20. Juli 2020

Frage 1: Was waren Ihre Gedanken, als Sie das erste Mal von der Schulschließung gehört haben?

 

Einerseits war ich erleichtert, denn die Situation hatte sich in den Tagen zuvor (nicht zuletzt durch die oft hochinfektiösen Ischgl-Reisenden, von denen ja auch einige aus Aalen und Umgebung stammten) durchaus in einer besorgniserregenden Weise entwickelt. So war klar, dass das Regierungspräsidium, die Stadt Aalen und die Gemeinschaft der Schulleiter sich für den Weg der Sicherheit entschieden hatten. Und ganz so firm waren wir ja alle noch nicht im Umgang mit der Pandemie – insofern war das aus meiner Sicht eindeutig die einzig richtige Entscheidung.

Gleichzeitig stand ein großes Fragezeichen im Raum, wie es denn nun weitergehen würde, denn so richtig auf digitales Unterrichten war ja keiner eingestellt. Wer mich kennt, weiß, dass ich ein relativ technikaffiner Mensch bin, daher hatte ich keine Zweifel, dass wir das schon ans Laufen bekommen würden. Wie groß das Ausmaß der zusätzlichen Arbeit werden würde – und das ist unvermeidlich, wenn der digitale Unterricht mehr als nur ein sinnloser zeitlicher Platzhalter sein soll –, konnte ich da auch noch nicht abschätzen.

 

 

Frage 2: Wie schauen Sie, wenn die Videokonferenz mal wieder nicht will wie Sie wollen?

 

Nach meinem aktuellen Stundenplan betreue ich derzeit drei solche Konferenzen pro Woche. Beim ersten Mal musste ich technisch kreativ werden, da die Schul-Firewall alle Verbindungen zum THG-Moodle blockierte. Also koppelte ich in der Situation einen Bluetooth-Lautsprecher an mein iPad, benutzte mein iPhone als Hotspot und führte darüber die erste Konferenz (sehr zum Nachteil meines Datenvolumens für den restlichen Monat…). Bis das klappte, sah ich sicherlich recht konzentriert (wenn nicht gar verbissen) aus, danach war ich aber recht zügig wieder entspannt.

Etwas hilfloser gucke ich, wenn in der Schule alles klappt und die Klasse mit mir wartet, es aber am anderen Ende hapert. Denn da kann ich nicht wirklich helfen. Einmal habe ich dann halt die Bluetooth-Box direkt ans iPhone angeschlossen und den Unterricht via Telefon abhalten lassen, aber zum Glück klappt es fast immer ziemlich gut. Vor einem halben Jahr hätte das wohl noch keiner in dem Umfang hier erwarten können. Cool, oder?

 

 

Frage 3: Was war die witzigste Schüler-Antwort/Nachricht?

 

Ein Schüler schrieb mir direkt vor den Pfingstferien, also nach gut fünf Wochen digitalen Unterrichtens, dass er während der „Ferien“ ja nicht hatte arbeiten können, weil er keinen Rechner gehabt habe. Das offenbarte einiges über seine Wahrnehmung der Homeschooling-Zeit… (Genau genommen war das nicht soooo lustig.)

 

 

Frage 4: Dumm gelaufen? Welches war Ihr lustigster Fehler während Corona?

 

Ich würde meine Fehler ja zugeben – wenn ich welche hätte…

Spaß beiseite: Am Anfang hat mich die schiere Menge an zusätzlicher Arbeit überrollt, denn ich habe (mit wenigen Ausnahmen) jedes einzelne Arbeitsblatt für die digitale Situation komplett überarbeitet. Das Überarbeiten der Materialien, zum Teil auch das Erstellen neuer Blätter (für Informatik war das beispielsweise dringend nötig) fraß pro Woche nochmals gut 10-12 Stunden weg.

Da ich meine Hörbeispiele sonst in jeweils thematisch sortierten Playlists auf iPad und iPhone dabei habe, musste ich nun jeden Tag für jede Stunde im Internet auf die Suche nach adäquaten Quellen gehen (und diese auch testen, nicht dass dann da mitten im Video „was-weiß-ich-was“ zu sehen wäre…), was locker 45-60 Minuten pro Tag zusätzlich verschlang.

Dadurch kam es dann manchmal dazu, dass ich zeitlich in Verzug geriet und erst dann neues Material einstellen konnte (es wurde nicht früher fertig), wenn der Unterricht regulär schon gelaufen wäre. Immerhin hatte ich das nach 10-14 Tagen aufgearbeitet und durch ein paar Wochenend- und Abendschichten soweit vorgearbeitet, dass in der Regel am Tag vor dem stundenplanmäßigen Unterricht das Material online war. Ich wohne ja in der Nähe vieler Schüler, sodass mich auch Eltern direkt angesprochen haben, wann denn mit dem neuen Stoff zu rechnen sei. Zum Glück hatte ich das ja nach einer gewissen Umstellungszeit wieder im Griff. Puh!

 

 

Frage 5: Was passiert, wenn man sich zweimal hintereinander halb totlacht?

 

Hmmm, der Witz ist so kalt, dass ich gerade Frostbeulen bekommen habe. Ich kenne auch ein paar von dieser Sorte:

Wie nennt ein Informatiker seinen Hund? – Mega-Bite.

 

 

Frage 6: Warum hat man freitags eigentlich nie frei, obwohl es ja Freitag heißt?

 

Das Freie am Freitag ist der Abend, meistens leite ich den durch ein kurzes Mittagsschläfchen ein, denn im Verlauf der Woche sammelt sich ein gewisses Erschöpfungspensum an. Wenn dann die Schule am Freitag erledigt ist, bin ich so frei, mich einfach mal hinzulegen, um frei meinen Träumen nachzuhängen… (Pun intended.)

 

 

Frage 7: Welche Frage würden Sie eigentlich gern mal allen Schülern stellen?

 

Es gibt keine Frage, die ich unverändert allen Schülern aller Jahrgangsstufen stellen würde. Dazu sind die THG-Schüler doch zu unterschiedlich.

 

 

Frage 8: TOP oder FLOPP: Ihre Meinung zu den Schulöffnungen ist gefragt!

 

Ich bin da absolut zwiegespalten: Einerseits freue ich mich, wenn es wieder etwas „normaler“ wird. Die doppelte Vorbereitung für eine Klassenhälfte in Präsenz und die andere Hälfte im Homeschooling schlaucht mich. Da bin ich also sehr froh, aus der Mühle zu entkommen.

Andererseits laden wir das Risiko damit natürlich schon ein Stück weit ein. Die letzten Wochen haben mir gezeigt, dass sich die Klassen der Unterstufe (5-7) sehr gut an die Regeln halten, auf die bin ich absolut stolz, denn das ist hervorragend. Wohingegen gerade die 10. Klassen die Abstands- und Hygieneregeln (vor allem Mund-Nasen-Schutz) teils sträflich vernachlässigen. Ein Virus, das erst nach zwei Wochen seine Zähne offen zeigt, kümmert sich nicht darum, ob jemand die Regeln für sinnvoll oder nicht sinnvoll hält, es nutzt einfach jede Chance, die sich ihm bietet. Vor diesem Hintergrund wird mir etwas bang angesichts der dann wieder ca. 800 Schüler im Haus – und dann ohne Abstandsregelung.

Auch wenn ich aus Sicherheitsgründen vollstes Verständnis für die Regelungen habe, ärgert mich die Tatsache, dass unsere Musik-AGs nach aktuellem Stand mindestens im ersten Halbjahr ruhen müssen. Vielleicht haben wir ja Glück und dürfen schon ab Januar wieder loslegen.

 

 

Frage 9: Wenn Sie einen Klon von sich erschaffen könnten, was würden Sie mit ihm anstellen?

Ich lese viel und gern, in diesem Kalenderjahr habe ich schon zwischen 40 und 50 Bücher (und Hörbücher) verschlungen. Mein Klon müsste die gleichen Bücher lesen und dann mit mir darüber diskutieren.

Außerdem dürfte er das Homeschooling betreuen, während ich im Präsenzunterricht wieder mal mit schlechten Witzen um mich werfe.

 

 

Frage 10: Wenn sie ein Schulfach ganz nach Ihren Wünschen gestalten könnten: Wie würde es aussehen? Was würde unterrichtet werden?

 

Yeah, die Frage gefällt mir. Es müsste eine Mischung aus Musik, Sport, Gesellschaftswissenschaft, Informatik, angewandter Technologie und gesundem Menschenverstand sein. Ein Curriculum habe ich leider noch nicht erstellt, aber ich kann ein paar Gedanken dazu ausführen:

Musik muss ich sicher nicht weiter erläutern, denn dieser Sache habe ich mich schon vor vielen Jahren verschrieben (damals noch mit langen Haaren und als Lead-Gitarrist in einer Rock-Band, die leider so schlecht war, dass wir für unsere zwölf Auftritte jeweils einen anderen Namen brauchten, damit noch Leute zum Zuhören kamen). Hier sind Beruf und Berufung mal ziemlich deckungsgleich. Auch in der Freizeit übe ich jeden Tag und spiele oft bei allen möglichen Gelegenheiten. Und selbst nach 15 Dienstjahren in Baden-Württemberg hört die Lust auf das Unterrichten und die AGs nicht auf (klar, es gibt Wochen, da möchte man die eine oder andere Klasse auf den Mond schießen, aber das gibt’s bei allen Berufen).

Sport ist meine große Leidenschaft, die ich allerdings erst mit ca. 35 (und gut 90 kg) so richtig entdeckt habe. Wenn ich nicht vor der Schule schon meine Runde über die Ostalb drehen kann, fühle ich mich nicht richtig in meiner Haut. Das möchte ich auch anderen vermitteln.

Gesellschaftswissenschaft und gesunder Menschenverstand gehören eigentlich zusammen, ich war nur zu langsam beim Nachdenken, als ich das aufgeschrieben habe. Mir ist aufgefallen, dass gerade große Menschengruppen oft ihre eigene Dynamik entwickeln, die in der Summe zu ziemlich dummen Entscheidungen führt (ich sage nur Corona-Demos…). Das zu analysieren und Schülern bewusst zu machen, davon träume ich.

Informatik unterrichte ich erst seit diesem Jahr. Gemeinsam mit Herrn Burst war ich letztes Schuljahr auf einer zweitägigen Fortbildung. In diesem Jahr haben wir gemeinsam vier siebte Klassen unterrichtet und dabei unser Material ständig verfeinert. Auch während der Corona-Zeit ging das ziemlich gut weiter. Das macht in der Regel allen Beteiligten Spaß.

Angewandte Technologie ist ein Gebiet, das mir erst während der Homeschooling-Zeit so richtig bewusst wurde. Tatsächlich sind viele der THG-Schüler zwar den ganzen Tag mit ihrem Smartphone beschäftigt, so richtig benutzen können sie aber nur ein paar Apps. Schon die banalsten Aufgaben wie das Verschicken einer Datei per E-Mail klappt oft nicht. Daran würde ich gerne etwas ändern. Früher gab es mal ITG als Schulfach, während der letzten Wochen habe ich gemerkt, dass da mehr Arbeit investiert werden müsste.

 

 

Frage 11: Wie würde der Corona-Virus aussehen, wenn er eine Person wäre?

 

Ich glaube nicht, dass jemand mein Gekritzel sehen möchte. Tatsächlich sieht das Corona-Virus für mich nicht wie „ein Mensch“ aus. Vielmehr sehe ich einen „Mob“, der dumme BILD-Zeitungsparolen skandiert und sich über minimalste Einschränkungen der persönlichen Freiheit aufregt, ohne das große Ganze im Blick zu behalten. Die meisten Deutschen haben noch keinen wirklichen Lockdown erlebt, tun aber so, als wären ihre Grundrechte in den letzten Wochen komplett abgeschafft worden. Welch ein Irrsinn! So ungefähr würde ich mir das in personifizierter Form vorstellen.

 

 

Frage 12: Was zählen eigentlich Schafe, wenn sie nicht schlafen können?

 

Hmmm, können die zählen? Vielleicht Grashalme. Wenn es jamaikanische Reggae-Schafe sind, dann vielleicht Gras-Halme. (Ok, der war echt noch schlechter als der Informatiker-Hund.) Ich höre mal lieber auf hier…

Habt eine schöne Zeit und bleibt gesund!

 

Sebastian Hahn