Die Podiumsdiskussion des Junior Science Cafes

Pflegeroboter-Fluch oder Segen?

Friederike Enkisch ~ 11. November 2020

Ein singender Roboter, der Gedächtnisspiele spielt und die Frage nach dem Sinn und dem Unsinn von Pflegerobotern beschäftigte am 4.11. das Junior Science Café des THGs digital via BBB-Konferenz. Als Experten waren der Ingenieur Hannes Eilers aus Kiel, Jens Lüssem, Professor für intelligente Informationssysteme und Robotik an der Fachhochschule in Kiel und der Philosoph Professor Jürgen Manemann von der Universität Hannover digital zu Gast.

Nach anfänglichen technischen Problemen konnte Johanna Richter mit einer Begrüßung das Junior Science Café eröffnen und einen kurzen Umriss des Ablaufs geben, um dann an Felix Schneider das Wort zu übergeben, der mit einer Präsentation die mehr als 90 Teilnehmer mit Erklärungen zu den Anwendungsbereichen von Pflegerobotern zum Thema hinführte. Der Einsatz von Pflegerobotern soll in Krankenhäusern zum Beispiel als Unterstützung im Transport und in der Reinigung, in Pilotprojekten in Alten- und Pflegeheimen dagegen zur Betreuung und

Unterhaltung von Bewohnern dienen. Dabei kommt Künstliche Intelligenz zum Einsatz,

sodass die Roboter große Datenmengen verarbeiten können und lernfähig sind. Probleme

sind dabei häufig der Datenschutz, da mit vielen sensiblen Personendaten gearbeitet wird.

Anschließend stellte Laura Steiner zwei schon existierende Pflegeroboter vor, wie die

Pflegerobbe Paro,die zu therapeutischen Zwecken eingesetzt wird und auf Berührung

reagiert. Sie soll beruhigend auf vor allem demente Patienten wirken und ist im Gegensatz

zu echten Tieren aus desinfektologischer Sicht einfach zu handhaben.

 

Ein weiteres Beispiel ist der humanoide Roboter Pepper, der mit einer Größe von 1,20m

im Aufbau einem Menschen nachempfunden ist. Über eine Sprach- und

Gesichtserkennung kann Pepper mit Menschen kommunizieren und durch künstliche

Intelligenz dazulernen. Anschließend erweckte Hannes Eilers in seinem Büro den Roboter

Peppermit dem Namen Max zum Leben und präsentierte Funktionen wie das Abspielen

von Liedern, das in Altenheimen in einem Sitzkreis genutzt werden könne. Mit einer

etwas mechanischen Stimme lädt Pepper auch zu einem Gedächtnisspiel ein, in dem über

den eingebauten Touchscreen das Bild mit dem richtigen Begriff angetippt werden soll.

Auch über die Spracherkennung lässt sich mit „rechts“ und „links“ das gewünschte Bild

auswählen. Als großen Vorteil erwähnt Eilers die Beratungsresistenz des Roboters, der auch nach mehrfachen Fehlentscheidungen mit freundlicher Gelassenheit zu einem weiteren Versuch auffordert. Einsatzorte sind laut Eilers eine Demenz-WG in Kiel, mit der die FH zusammenarbeitet, genauso wie ein Altenheim in Siegen ohne den Schwerpunkt auf Demenzerkrankungen.

                                                                          Des Weiteren wurden technische Probleme thematisiert, etwa die Spracherkennung, die nicht auf

dem Niveau von Siri und Google ist, weil ein Datenaustausch mit den großen Clouds in Amerika aus

Datenschutzgründen nicht möglich ist.

Neben der Spracherkennung, die unter anderem nur in ruhiger Umgebung optimal funktioniert, ist

auch die Gesichtserkennung nur eingeschränkt nutzbar und stark abhängig von Beleuchtung, dem

richtigen Hintergrund, sowie der richtigen Größe des zu erkennenden Gesichtes. Erfahrungen zeigen

außerdem, dass die Erkennung nur bis ca. sechs Gesichter problemlos funktioniert.

Eilers betont währenddessen immer wieder, dass das Ziel der Pflegeroboter nicht der Ersatz von

Menschen ist, sondern lediglich Pflegekräfte bei ihrer Arbeit unterstützen soll. Ein Roboter, der aktiv

und ohne Aufforderung auf Patienten zugeht oder spontan einspringt, hält Eilers sowohl aus

technischer, sowie aus ethischer Sicht für sehr problematisch.

Auf die ethischen Aspekte und die Frage nach dem Sinn und dem Unsinn von Pflegerobotern ging

Professor Jürgen Manemann genauer ein. Er fordert einen kontextsensiblen Umgang mit der

Thematik, die vor allem im Zusammenhang mit der Coronakrise zu betrachten sei.

In einem umfassenderen Exkurs betonte er, dass aller Pflege eine „Gesellschaft in Sorge“ vorangehe,

die er als elementar betrachtet. Die daraus resultierende „Sorgearbeit“ sei mit der „Pflegearbeit“

gleichzusetzten und sei nicht als reine Bedürfnisbefriedigung zu verstehen. Vielmehr sei der Versuch

„so gut wie möglich in der Welt zu leben“, darin zu erkennen, der „keine Stumpfsinnigkeit“ in der

„Sorgearbeit“ zulasse, sondern nach Verstehen, Verantwortung und Kommunikation strebe.

Genau darin sieht Manemann die Gefahren der Pflegeroboter. Bei Bildern von aktiven Einsätzen der

Pflegeroboter empfindet er Scham, denn sie seien ein Zeichen des Mangels und dem Verlust an

Kommunikation und sozialer Teilhabe.

Manemann argumentiert, dass man derartige Roboter bei Kindern kaum einsetzten würde und fordert durch die großen Ähnlichkeiten von Kindern und Dementen ein Überdenken der Thematik. Menschen, die jeden Tag mit dem Verlust ihres Gedächtnisses zu kämpfen haben, brauchen laut Manemann menschliche Empathie und Berührung, sowie Zuneigung und Trost durch Mensch und Natur, weshalb vielmehr lebendige Robben und Menschen in der Pflege sinnvoll seien. Abschließend warf er die Frage in den Raum, ob wir denn wirklich mehr der Technologie als den Menschen vertrauen.Im weiteren Verlauf wurden Fragen von Seiten der Zuhörer gestellt, unter anderem wie die Angehörigen der Pflegepatienten zu den Pflegerobotern ständen. Professor Jens Lüssem erklärte, dass zu Beginn Skepsis herrsche, am Ende aber stets eine positive Haltung gegenüber den Pflegerobotern vorhanden sei. Auch alle weiteren technischen Fragen konnten von Professor Lüssem und Herrn Eilers erklärt werden, so kann der Roboter trotz massivem Fuß umkippen kann und ist nicht in der Lage, Treppen zu gehen. Einer Erklärung beider Expertenseiten bedurfte die Frage nach einer möglichen emotionalen Bindung, die Patienten zu dem Roboter aufbauen könnten. Normalerweise seien sich die Patienten bewusst, dass es sich um einen Roboter handle, so Professor Lüssem. Er konnte aber auch von einem Fall berichten, indem ein vertrauliches Gespräch zwischen einer demenzerkrankten Frau und dem Roboter stattgefunden hatte, bei dem der Frau wahrscheinlich nicht klar war, dass es sich hierbei um einen Roboter handelte. Von dem Gespräch sei die Frau allerdings nicht erstört gewesen und habe auch sonst keinen Schaden genommen. Vor genau diesem Fall warnte daraufhin Professor Manemann, denn in „hellen omenten“ von Demenzerkrankten, in den kurzzeitig wieder ein klareres Verständnis für die Umwelt vorhanden ist, könne die Erkenntnis eines olchen Gesprächs zu enormer Verunsicherung und Demütigung der Patienten führen, die erkennen, dass sie nicht bemerkt haben, dass es sich bei hrem Gegenüber um einen Roboter gehandelt hat. Auf Nachfrage erläuterten Professor Lüssem und Ingenieur Eilers nochmals, dass die technische Entwicklung den Roboter nicht dazu befähige, selbstständig Aufgaben zu übernehmen, dazu auch nicht gedacht sei, sondern Pfleger lediglich in Unterhaltung und Betreuung unterstützen solle und bisweilen als „intelligentes Spielzeug“ zu verstehen sei. In den Vorträgen und der Diskussion zeigte sich, dass ein Pflegeroboter, der essenzielle Aufgaben in der Pflege selbstständig übernimmt, vorerst eine Vision bleibt. Einfache Kommunikation ist aber dank Künstlicher Intelligenz möglich und erlaubt den Robotern zum Beispiel Gedächtnisspiele mit  demenziell erkrankten Patienten. Die Forschung, die auf den Gebieten der Künstlichen Intelligenz und der Robotik aber rasante Fortschritte macht, wirft zwangsläufig die ethischen Fragen einer Betreuung mit oder durch Roboter auf. Trotz des herrschenden Pflegemangels und der möglichen Weiterentwicklung der Pflegeroboter, waren sich aber alle Experten einig, dass nie ein Ersatz von Menschen durch Roboter das Ziel ist.

Der interessante und informative Diskurs wird in den nächsten Jahren wohl immer mehr Raum in der öffentlichen Debatte einnehmen und von unserer Gesellschaft neue ethischen Rahmenbedingungen erfordern.

Mit Applaus und einem herzlichen Dankeschön an alle Experten und Zuschauer endete nach

anderthalb Stunden das erste digitale Junior Science Café.

 

 

 

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/ee/Pepper_the_Robot.jpg